Bundreinheit und Oktavreinheit: die Intonation deiner Gitarre einstellen
Von GuitarGuy Aktualisiert am
Warum deine Gitarre in hohen Lagen verstimmt klingt, obwohl die Leersaiten stimmen – und wie du die Oktavreinheit am zwölften Bund prüfst und über die Saitenreiter korrigierst.
Deine Gitarre ist gestimmt, die Leersaiten klingen sauber – und trotzdem klingt ein Akkord im fünften Bund schief. Das ist kein Stimmproblem, sondern eine Frage der Bundreinheit. Sie entscheidet darüber, ob ein gegriffener Ton auch in höheren Lagen die Tonhöhe hat, die er haben soll. Dieser Artikel zeigt, wie du sie prüfst und einstellst.
Wichtige Erkenntnisse
- Bundreinheit heißt: Ein gegriffener Ton stimmt in jeder Lage, nicht nur auf der leeren Saite.
- Der Prüfpunkt ist der zwölfte Bund – dort liegt die Oktave der leeren Saite.
- Korrigiert wird über die Saitenreiter an der Brücke, nicht über die Stimmmechaniken.
- Eingestellt wird immer mit frischen Saiten in der Stärke und Stimmung, die du dauerhaft spielst.
- G- und H-Saite brauchen die feinste Justierung.
Was Bundreinheit bedeutet
Eine Gitarrensaite wird beim Greifen minimal gedehnt. Dadurch steigt ihre Tonhöhe leicht an – und zwar umso stärker, je höher die Saitenlage und je dicker die Saite ist. Damit ein gegriffener Ton trotzdem stimmt, muss die schwingende Länge der Saite, die Mensur, für jede Saite einzeln angepasst werden. Genau das leisten die verstellbaren Saitenreiter an der Brücke.
Ist diese Anpassung nicht gemacht, zeigt sich das nicht sofort. Auf den ersten Bünden fällt die Abweichung kaum auf; ab der fünften Lage wird sie hörbar, in hohen Lagen deutlich. Typisch ist der Eindruck, dass einzelne Akkorde „matschig” klingen, obwohl das Stimmgerät bei allen Leersaiten grünes Licht gibt.
Der Test am zwölften Bund
Der zwölfte Bund teilt die Mensur genau in der Mitte – dort liegt die Oktave der leeren Saite. Das macht ihn zum Prüfpunkt:
- Stimme alle Leersaiten sauber mit einem Stimmgerät.
- Erzeuge am zwölften Bund ein Flageolett: Finger locker direkt über dem Bundstäbchen auflegen, anschlagen, sofort loslassen.
- Greife anschließend denselben Bund normal und schlage an.
- Vergleiche beide Töne am Stimmgerät.
Stimmen sie überein, ist die Saite oktavrein. Weichen sie ab, brauchst du den Schraubendreher – und die Richtung ergibt sich aus der Abweichung:
| Befund am zwölften Bund | Korrektur |
|---|---|
| gegriffener Ton höher als das Flageolett | Saitenreiter nach hinten, vom Hals weg (Mensur wird länger) |
| gegriffener Ton tiefer als das Flageolett | Saitenreiter nach vorne, zum Hals hin (Mensur wird kürzer) |
Schritt für Schritt einstellen
Vorab zwei Bedingungen, ohne die die Arbeit umsonst ist: frische Saiten und die endgültige Stimmung. Alte Saiten haben durch Abrieb und Schmutz eine ungleichmäßige Masse und lassen sich nicht sauber einstellen. Und wer später auf eine andere Saitenstärke oder ein anderes Tuning wechselt, stellt alles noch einmal ein.
Der Ablauf pro Saite:
- Leersaite stimmen.
- Flageolett und gegriffenen Ton im zwölften Bund vergleichen.
- Reiterschraube in kleinen Schritten drehen – eine halbe Umdrehung ist meist genug.
- Leersaite neu stimmen; jede Reiterbewegung verändert die Saitenspannung.
- Erneut vergleichen und wiederholen, bis beide Töne übereinstimmen.
Schritt 4 wird gern übersprungen und ist der häufigste Grund dafür, dass sich die Einstellung nicht einpendelt. Rechne mit zwei bis drei Durchgängen pro Saite.
G- und H-Saite: die Problemfälle
Diese beiden Saiten sind erfahrungsgemäß am kniffligsten. Die G-Saite ist bei den meisten Sätzen unumsponnen und relativ dick – beim Greifen steigt ihre Tonhöhe stärker an als bei den Nachbarsaiten. Die H-Saite verhält sich ähnlich, wenn auch schwächer.
Hier lohnt sich Geduld und ein feineres Vorgehen: kleinere Schritte, nach jeder Korrektur neu stimmen, und im Zweifel den Kompromiss suchen, bei dem sowohl der zwölfte Bund als auch die häufig gespielten Lagen akzeptabel klingen.
Was die Intonation sonst beeinflusst
Die Saitenreiter sind nur eine Stellschraube. Wenn sich die Bundreinheit nicht einstellen lässt, liegt die Ursache meist woanders:
- Halskrümmung. Der Hals braucht eine leichte Vorkrümmung, damit die Saiten frei schwingen. Prüfen lässt sie sich, indem du eine Saite gleichzeitig im ersten und im obersten Bund greifst und den Abstand zum Bundstäbchen in der Mitte betrachtest. Ist der Hals zu gerade oder zu stark gekrümmt, verändert das die Intonation über das ganze Griffbrett.
- Saitenlage. Je höher die Saiten liegen, desto weiter musst du sie zum Greifen herunterdrücken und desto stärker steigt die Tonhöhe. Eine zu hohe Saitenlage lässt sich durch Reiterjustage allein nicht ausgleichen.
- Saitenalter und -stärke. Beide verändern das Schwingungsverhalten. Nach einem Wechsel der Stärke ist eine neue Einstellung fällig.
- Bundstäbchen. Abgenutzte oder unterschiedlich hohe Bünde erzeugen Abweichungen, die keine Brückeneinstellung behebt. Dann steht ein Abrichten an.
Grenzfälle: nicht jede Brücke lässt sich frei einstellen
Manche Konstruktionen setzen dem Verstellweg Grenzen. Klassische Telecaster-Stege mit drei Reitern bedienen jeweils zwei Saiten gleichzeitig – ein perfekter Kompromiss für beide ist konstruktionsbedingt nicht immer möglich. Ähnlich verhält es sich bei Wraparound-Brücken, wie sie an Les-Paul-Junior-Modellen verbaut sind.
Steht der Reiter am Anschlag und die Saite ist trotzdem nicht oktavrein, ist der Verstellweg ausgereizt. Dann bleiben eine andere Saitenstärke, eine kompensierte Brücke oder der Gang in die Werkstatt.
Akustik- und Konzertgitarren haben gar keine verstellbaren Reiter. Dort ist die Kompensation in Form und Position der Stegeinlage festgelegt. Weicht die Oktavreinheit deutlich ab, passt der Gitarrenbauer die Stegeinlage an.
Endkontrolle mit Akkorden
Einzeltöne sind nur die halbe Prüfung. Zum Schluss spielst du Akkorde in verschiedenen Lagen – G-Dur, C-Dur, D-Dur, a-Moll, e-Moll – und hörst hin, ob sie in sich sauber klingen. Gerade Akkorde mit Terzen decken kleine Abweichungen auf, die bei einzelnen Tönen durchgehen.
Klingt dabei noch etwas unrein, geh die Einflussfaktoren oben durch, bevor du weiter an den Reitern drehst. Häufig ist die Halskrümmung die eigentliche Ursache.
Fazit
Bundreinheit ist der Unterschied zwischen einer Gitarre, die gestimmt ist, und einer, die auch klingt. Der Test am zwölften Bund dauert pro Saite eine Minute, die Korrektur ein paar Umdrehungen an der Reiterschraube – vorausgesetzt, frische Saiten liegen auf und Halskrümmung sowie Saitenlage stimmen. Wer diese Reihenfolge einhält, bekommt das an einem Nachmittag hin. Wer sie umdreht, dreht lange an den Reitern, ohne dass es besser wird.
Häufige Fragen
Was bedeutet Bundreinheit bei einer Gitarre?
Dass ein gegriffener Ton in jeder Lage die Tonhöhe hat, die er haben soll. Prüfen lässt sich das am zwölften Bund: Der gegriffene Ton muss mit dem Flageolett an derselben Stelle übereinstimmen. Weichen sie ab, ist die Gitarre nicht bundrein – sie klingt dann in hohen Lagen verstimmt, obwohl die Leersaiten sauber gestimmt sind.
In welche Richtung muss der Saitenreiter?
Klingt der gegriffene Ton im zwölften Bund höher als das Flageolett, muss der Reiter nach hinten – vom Hals weg, die Mensur wird länger. Klingt er tiefer, muss der Reiter nach vorne zum Hals.
Muss ich vorher neue Saiten aufziehen?
Ja. Alte Saiten haben eine ungleichmäßige Massenverteilung und lassen sich nicht sauber einstellen. Eingestellt wird immer mit frischen Saiten, in der Stärke und Stimmung, die du dauerhaft spielen willst.
Warum machen G- und H-Saite die meisten Probleme?
Die unumsponnene G-Saite reagiert beim Greifen besonders stark mit Tonhöhenanstieg. Beide Saiten brauchen deshalb die feinste Justierung, oft mehrfach nachkorrigiert.
Was, wenn der Reiter am Anschlag ist?
Dann greift die Ursache tiefer: Halskrümmung, Saitenlage oder eine Brücke mit begrenztem Verstellweg, wie bei manchen Telecaster- und Les-Paul-Junior-Konstruktionen. In dem Fall hilft eine andere Saitenstärke – oder der Gang zum Gitarrenbauer.
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